Anja Pennemann ist Fachbereichsleiterin für Massage, Therapie und Art of Wellness an der Europäischen Akademie für Ayurveda
„Wissen bedeutet Qualität”
Anja Pennemann verrät im Gespräch mit spa concept die Erfolgsfaktoren sinnvoller Ayurveda-Angebote im Wellness-Bereich
spa concept: Was unterscheidet im Ayurveda die Spreu vom Weizen?
Anja Pennemann: Authentische Ayurveda-Behandlungen zeichnen sich dadurch aus, dass die Behandler über ein umfassendes Wissen dieser Heilkunde verfügen und individuell auf die Bedürfnisse und Erfordernisse der jeweiligen Person eingehen können. Verantwortungsvoll ausgeführte ayurvedische Behandlungen haben den Menschen ganzheitlich im Blick und wenden das ayurvedische Wissen an, um ihn auch in seiner Ganzheit zu fördern. Oftmals verfügen so genannte Ayurveda-Therapeuten nur über ein sehr begrenztes Wissen, welches sich auf bestimmte Techniken und Abläufe im Rahmen der Massage bezieht. Für wen und unter welchen Umständen diese Behandlungen angewendet werden sollten, wird oft kaum oder gar nicht berücksichtigt. Darüber hinaus wurde nicht erlernt, die ayurvedischen Grundprinzipien in einer Behandlungsstrategie anzuwenden und dabei individuell auf den Klienten einzugehen.
Welche Risiken ergeben sich daraus für den Gast?
Vereinfacht gesagt: Nicht für jeden Menschen ist zu jedem Zeitpunkt eine Ölbehandlung angesagt, es kann sogar sein, dass diese Behandlung gesundheitliche Schäden beim Klienten verursacht, wenn z.B. direkt nach dem Essen massiert wird bzw. wenn der Klient ein sehr schwaches Verdauungsfeuer besitzt. Oftmals werden aber nur bestimmte Massagen angeboten und einfach gebucht, ohne den Klienten und seine gesundheitliche Verfassung zu sehen. Ayurveda lässt sich m.E. nicht halbherzig betrachten, denn Halbwissen richtet Schaden an, selbst mit einer Ölbehandlung, und bedingt keinen geschäftlichen Erfolg.
Welche Voraussetzungen sollte Ayurveda im Hotel- und Spa-Bereich Ihrer Meinung nach erfüllen?
Zunächst die erwähnte fundierte Ausbildung der Therapeuten, die den Ayurveda zumindest in seinen Grundprinzipien transportiert hat. Das Behandlungsangebot muss somit individuell auf den jeweiligen Gast abgestimmt sein. Zudem ist es notwendig, dass die angebotene Ernährung auf die jeweiligen Behandlungen abgestimmt ist, sonst kann der Gast Schaden erleiden.
Wie sollte man im Wellness-Bereich bei der Konzeption von Angeboten vorgehen?
Die Ausbildung sollte die Therapeuten befähigen, selbständig und innovativ die Bedürfnisse von Gästen und Betrieb in Einklang zu bringen. Es ist empfehlenswert, zusammen mit einem Experten die Ziele und Visionen der Geschäftsleitung intensiv zu bearbeiten. Welche Art von Behandlungen ist gewünscht und was ist dazu nötig? Und letztendlich auch die Frage zu klären: Können und wollen wir ayurvedische Behandlungen integrieren? Denn der Ayurveda – gerade die Manualtherapien – ist sehr arbeitsintensiv und erfordert hohe Materialinvestitionen. Ganz zu schweigen von dem Öl, das seinen Weg überall hin findet, vor allem in die Wäsche. Die Frage nach den richtigen Materialien kann nur individuell nach Vision und Ausrichtung des Betriebes beantwortet werden, auch wenn wir hier sehr gute Erfahrungswerte haben.
Halten Sie es im Hotel für sinnvoll, Ayurveda-Kuren parallel zu Verwöhn-Wellness anzubieten?
Das ist erfahrungsgemäß eher schwierig, weil ja auch von der Küche her unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt werden. Vielen Gästen fällt es leichter, die notwendigen und auch wohltuenden Ernährungsregeln umzusetzen, wenn das in einer Gruppe Gleichgesinnter erfolgt. Wer will schon am Ausleitungstag Reissuppe essen, während der Tischnachbar ein komplettes Menü genießt? Dasselbe gilt für den Wunsch nach Regeneration und Ruhe. Wer sich ein Wochenende lang mit Ayurveda-Massagen verwöhnen lässt, hat andere Bedürfnisse als ein Panchakarma-Kurgast, der therapeutische Verordnungen befolgen muss. Das kann sich dann schon mal „beißen“.
Kann man mit einer Ausbildung in Europa das indische Niveau erreichen?
Es gibt auf beiden Seiten – in Europa wie in Indien – Ayurveda, der sehr gewissenhaft und damit authentisch angewendet wird, genauso wie Behandlungen, die nicht sorgfältig ausgeführt werden. Die Prinzipien und Denkweise des Ayurveda lassen sich meines Erachtens auch hier in Europa authentisch vermitteln. Das setzt aber den Willen voraus, den Ayurveda in seiner Ganzheit und Komplexität zu berücksichtigen, was nicht immer so einfach ist und einen hohen Zeit- und Mittelaufwand für die Ausbildung bedeutet.
Empfehlen Sie Therapeuten den Austausch mit indischen Fachkräften?
Ein Austausch ist sicherlich für beide Seiten gewinnbringend, wenn es darum geht anzuerkennen, dass Ayurveda „global but local“ ist. Das bedeutet, dass wir hier auch sehr gut ausgebildete europäische Therapeuten benötigen, die die Prinzipien des Ayurveda für unseren Bereich anwenden. Austausch bereichert immer, wenn er für beide Seiten vorteilhaft ist, vor allem beim Lernen. Wir sollten – nicht nur als Therapeuten – immer über unseren eigenen Tellerrand hinausblicken. (ah)
Weitere Infos zu Ayurveda-Ausbildungen gibt es z.B. unter
www.ayurveda-akademie.org
www.ayurveda-verband.eu